„Empört euch – nicht!“
Dieser Satz geht mir seit Wochen nicht mehr aus dem Kopf. Er ist kein Aufruf zur Gleichgültigkeit. Aber er ist eine ernst gemeinte Frage: Müssen wir uns wirklich über alles empören?
Wir leben in bewegten Zeiten. Kriege, Krisen, politische Verschiebungen, Skandale. Gründe für moralische Empörung gibt es genug. Und Empörung ist nicht per se schlecht. Schon Aristoteles verstand Zorn als Reaktion auf erfahrenes oder beobachtetes Unrecht. Empörung verteidigt Normen. Sie signalisiert: Hier wird eine Grenze überschritten.
Empörung ist also zutiefst sozial – sollte man meinen.
Und doch habe ich den Eindruck, dass wir auf Social Media in eine Kultur der Dauerempörung geraten sind. Eine Kultur, in der moralische und affektive Reaktionen einerseits spontan entstehen – andererseits strategisch eingesetzt werden. Empörung erzeugt Reichweite. Wer sich aufregt, wer zuspitzt, wer moralisiert, wird gesehen, geteilt, und verstärkt sichtbar.
Das ist kein Zufall. Der Algorithmus bestimmt Sichtbarkeit und angezeigten Inhalt.
Social Media funktioniert über Aufmerksamkeit. Aufmerksamkeit wiederum folgt Emotion – besonders starken Emotionen. Wut, Skandal, Empörung binden uns länger als Nüchternheit oder Differenzierung. Algorithmen optimieren den Feed nach Verweildauer. Wenn Empörung Interaktion erzeugt, wird Empörung verstärkt.
Positive, differenzierte, ruhige Beiträge?
Sie existieren. Aber sie verschwinden im algorithmischen Strom der Erregungspolitik.
Der Soziologe Hartmut Rosa spricht von gesellschaftlicher Beschleunigung. Vielleicht ist Empörung die schnellste soziale Reaktion überhaupt. Sie verlangt keine Ambivalenz, keine gedankliche Schleife. Sie ist unmittelbar. Ein Klick. Ein Kommentar. Ein Share. Moral in Echtzeit.
Doch was passiert mit dem Diskurs?
Der Philosoph Jürgen Habermas entwickelte die Idee einer Öffentlichkeit, die vom rationalen Austausch lebt. Argument gegen Argument. Rede und Gegenrede. Verständigungsorientierung. Wenn ich mir viele Beiträge auf Social Media ansehe, finde ich das kaum wieder. Diskussion findet häufig im Modus des Shitstorms statt – also als kollektive Empörungswelle, nicht als Gespräch.
Empörung verteidigt Normen.
Aber sie zerstört Dialog.
Empörung kennt selten Zwischentöne. Wer empört ist, hat bereits entschieden. Wer widerspricht, wird als Gegner markiert. Abwertung und Diskriminierung werden zu Nebenprodukten moralischer Selbstvergewisserung. Es geht dann weniger um das Thema – als um die sichtbare Positionierung: „Seht her, ich stehe auf der richtigen Seite.“
Vielleicht ist das der entscheidende Punkt:
Empörung wird zum sozialen Signal.
Sie zeigt Zugehörigkeit. Sie stiftet Identität. Sie trennt „wir“ von „die“. In einer Zeit, in der wir mit Informationen überrollt werden – „flood the zone with shit“ – wird jede neue Nachricht zum potenziellen Anlass für die nächste Empörungswelle. Die Quantität der Themen produziert wie eine Gleichung eine Quantität der Erregung. Und Dauerempörung wird zum Normalzustand.
Doch Dauerempörung ist toxisch.
Nicht, weil es keine Missstände gäbe. Sondern weil der permanente Erregungsmodus uns abstumpft. Wenn alles skandalös ist, ist nichts mehr wirklich skandalös. Wenn jede Stunde oder Minute ein neuer moralischer Ausnahmezustand ausgerufen wird, bleibt keine Zeit für Reflexion. Keine Zeit für Differenzierung. Kein Raum für echten Diskurs – schon gar nicht außerhalb von Social Media.
Die Frage ist also nicht: Dürfen wir uns empören?
Natürlich dürfen – und manchmal müssen – wir das.
Die Frage ist: Müssen wir es ständig? Müssen wir auf jeden Impuls reagieren? Müssen wir jede Provokation verstärken, indem wir sie teilen? Oder spielen wir damit genau das Spiel, das die Plattformen bezwecken und mit Reichweite belohnt?
Zeit hinter den Vorhang der Plattformen zu schauen! Wer zieht die Strippen mit welcher (politischen) Intention?
Vielleicht ist „Empört euch – nicht!“ kein Aufruf zur Passivität, sondern zur Disziplin. Zur bewussten Entscheidung: Nicht jeder Aufreger verdient meine Energie. Nicht jede Provokation braucht meine Verstärkung. Nicht jede moralische Grenzüberschreitung muss im digitalen Tribunal verhandelt werden.
Was wäre, wenn wir Empörung wieder verknappen?
Wenn sie nicht der Standardmodus, sondern die Ausnahme wäre?
Wenn wir Ambivalenz aushalten würden, bevor wir reagieren?
Social Media muss kein Ort der Spaltung sein. Aber solange Empörung die härteste Währung bleibt, wird sie weiter kultiviert. Vielleicht beginnt Veränderung nicht im Algorithmus, sondern bei uns: in der Entscheidung, wann wir uns empören, wann wir innehalten. Und welche Inhalte wir tatsächlich produzieren.
Empört euch – nicht!
Aus Verantwortung für den Diskurs.
Für ein soziales positives, diverses Miteinander.
Spread love – not hate!
Letzte Änderung: 21.02.2026