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Dead Winter Dead – Der Klang des toten Winters

Dead Winter Dead, Europa und die Wiederkehr der Geschichte
25. Dezember 2025
Dead Winter Dead, CD eingelegt in einem portablen CD Player
Foto: Sven E. Hofmann – Das Foto zeigt meine persönliche Hörszene, aufgenommen im analogen TIlt/Shift Stil. CD wurde selbst erworben – das Cover wurde unverändert und im Kontext redaktioneller Auseinandersetzung dargestellt.

Lesedauer ca: 20 Minuten

Als Dead Winter Dead 1995 erschien, stand Europa an einer historischen Schwelle. Der Kalte Krieg war beendet, die Blockkonfrontation Geschichte, der Eiserne Vorhang gefallen. Die politische Sprache jener Jahre war geprägt von Annäherung, Integration und Aufbruch.

Doch Gleichzeitig zerbrach Jugoslawien in blutigen Konflikten, Sarajevo wurde täglich beschossen.

Dort schlugen Tag für Tag Granaten in Wohnvierteln ein, während in westlichen Hauptstädten über Mandate, Zuständigkeiten und politische Risiken debattiert wurde. Die täglichen Nachrichtenbilder aus Bosnien, wurden Teil eines medialen Hintergrundrauschens, während sich Europa selbst als Friedensprojekt feierte. Fortschritt und Barbarei existierten nebeneinander, als neue Normalität.

In genau dieser Zeit entstand Dead Winter Dead als musikalische Erzählung über den Zerfall einer Ordnung, die sich selbst für stabil hielt. Savatage erzählen von Krieg, Macht und dem Moment, in dem die Vernunft ihre Selbstverständlichkeit verliert und Menschlichkeit zur täglichen Entscheidung wird.

Die frühen 1990er Jahre markieren einen der tiefgreifendsten Umbrüche der europäischen Nachkriegsgeschichte. Mit dem Zusammenbruch der sozialistischen Systeme in Osteuropa entstand ein politisches Machtvakuum, das vielerorts einerseits Hoffnung freisetzte, andererseits zugleich alte, nie gelöste Konflikte reaktivierte. Nationalismus, als überwunden geglaubt, kehrte zurück. Damals, wie auch heute als moderne politische Kraft, gespeist aus Angst, Identitätssuche und ökonomischer Unsicherheit.

Jugoslawien, jahrzehntelang ein Vielvölkerstaat zwischen den Blöcken, zerbrach an diesen Spannungen. Der Bosnienkrieg, der von 1992 bis 1995 andauerte, wurde zum brutalsten Ausdruck dieses Zerfalls. Nach heutigen Forschungsergebnissen starben rund 100.000 Menschen, der überwiegende Teil Zivilistinnen und Zivilisten. Allein während der fast vierjährigen Belagerung Sarajevos wurden etwa 11.500 Menschen getötet, darunter mehr als 1.500 Kinder.

Sarajevo wurde zum Symbol für die Grausamkeit des Krieges, das Leid der Zivilisten und den Zerfall eines multiethnischen Zusammenlebens – für das Versagen einer europäischen Ordnung, die glaubte, sich ihrer eigenen Geschichte längst entledigt zu haben.

Geanau hier setzt Dead Winter Dead an. Das Album entfaltet seine Wirkung über seine Lyrics und vor allem durch seine erzählerische Verdichtung. Figuren treten auf, ohne Namen, ohne eindeutige Zuschreibung. Ein junger Serbe. Eine junge Bosnierin. Ein alter Mann, der auf einem zerstörten Marktplatz Cello spielt. Sie stehen nicht für Nationen oder Fronten, sondern für Möglichkeiten menschlichen Handelns.

Besonders der Cellist bildet das moralische Zentrum des Albums. Er ist keine heroische Figur und kein Widerstandskämpfer im klassischen Sinn. Er trägt keine Waffe und erhebt keine Stimme gegen ein Regime. Sein Widerstand besteht im Spielen. In der Weigerung, den Krieg auch noch in sich selbst eindringen zu lassen. Musik wird hier zur letzten Form von Würde – leise, verletzlich, aber unbeirrbar. Und damit zum Widerstand.

Savatage bezieht sich auf Vedran Smailović, den bekannten Cellisten aus Sarajevo, der während der Belagerung in der zerstörten Stadt musizierte – ein einzelner Mensch gegen den Lärm und Unsinn des Krieges. Sein Cello wurde zum Symbol für Hoffnung und Heilung.

Am 27. Mai 1992 schlugen Mörsergranaten auf einem Markt ein: 22 Menschen starben, über 70 wurden verletzt. Tief erschüttert begab sich Smailović am nächsten Tag zu dem Ort, der inzwischen mit Blumen geschmückt war, und spielte instinktiv Albinonis Adagio in g-Moll. Als sich Menschen um ihn versammelten, entstand ein Moment der Stille und des Trostes.

Er spielte dort 22 Tage lang, um die Opfer zu ehren, stets dasselbe Stück, während Scharfschützen die Stadt beherrschten. In den folgenden zwei Jahren trat er zwischen zerstörten Gebäuden auf und wurde zum Symbol des Mutes – für Sarajevo und die Welt. Im Dezember 1993 verließ er die Stadt und zog nach Nordirland.

Instrumentalstücke wie „Mozart and Madness“ oder „Christmas Eve (Sarajevo 12/24)“ tragen diese Idee weiter. Sie verzichten auf Worte, weil Worte hier versagen. Metal trifft auf orchestrale Elemente, Aggression auf Ordnung, Chaos auf Struktur. Es ist kein harmonischer Ausgleich, sondern ein permanentes Ringen. Der Krieg verschwindet nicht – aber er wird unterbrochen – für einen Moment der Hoffnung.

Diese musikalische Dramaturgie folgt keinem klassischen Spannungsbogen. Sie gleicht eher dem Rhythmus eines Krieges selbst: Explosionen, Stille, Trauer, kurze Hoffnungsschimmer, erneute Eskalation. Dead Winter Dead verweigert das tröstliche Narrativ. Am Ende steht kein Sieg, keine Erlösung. Nur die zerbrechliche Möglichkeit, dass Menschlichkeit trotz allem nicht vollständig ausgelöscht werden kann.

Das Album wurde nach Veröffentlichung vielfach als ambitioniertes Konzeptwerk wahrgenommen, als Grenzgang zwischen Progressive Metal, Rockoper und klassischer Musik. Aber seine politische Tiefe wurde oft nur beiläufig erwähnt. Vielleicht, weil sie zu unbequem war. Vielleicht auch, weil Europa sich 1995 nicht mit der Vorstellung auseinandersetzen wollte, dass Sarajevo kein Ausrutscher der Geschichte war, sondern ein Symptom.

Dreißig Jahre später wirkt das Album wieder so aktuell wie damals. Nicht, weil sich Geschichte zu wiederholen scheint – sondern weil sich ihre Mechanismen erneut bemerkbar machen. Nationalismus kehrt zurück und Krieg ist wieder Teil des politischen Alltagsvokabulars. Nicht nur als reale Gewalt in der Ukraine, sondern als Denkfigur, als Möglichkeit, als Vorbereitung.

Kein Tag vergeht, an dem nicht von Aufrüstung, Verteidigungsfähigkeit, Abschreckung gesprochen wird. In Deutschland wurde die Wiedereinführung der Wehrpflicht beschlossen, als „Antwort“ auf eine herrschende und heraufbeschwörende Bedrohungslage. Die Entscheidung ließ gesellschaftliche Folgen und Gerechtigkeitsaspekte weitgehend außer Acht.

Der Ton hat sich verschoben. Krieg erscheint nicht mehr als äußerstes Versagen von Politik und Diplomatie, sondern als Option.

Auch das ist ein bekanntes Muster. Gesellschaften werden nicht plötzlich kriegsbereit. Sie werden daran gewöhnt. Durch Sprache. Durch Bilder. Durch die stetige Wiederholung des Gedankens, dass Gewalt notwendig, alternativlos, unvermeidlich sei.

Dead Winter Dead erinnert uns daran, wie trügerisch solche Normalisierungen sind. Das Album entstand in einer Zeit, in der man glaubte, aus der Geschichte gelernt zu haben – und dennoch zusah, wie sie sich vor den eigenen Augen neu formierte. Heute, im Rückblick, liest es sich weniger wie ein Kommentar zu den 1990er Jahren als wie eine Warnung an die Gegenwart.

Es ist genau diese unbequeme Aktualität, die das Album heute wieder so aktuell und so notwendig macht.

Diese Wiederkehr ist kein Zufall. Sie folgt Mustern, die nicht nur in der europäischen Geschichte immer wieder sichtbar werden, sobald gesellschaftliche Sicherheiten brüchig werden. Wirtschaftliche Umbrüche, Identitätskrisen, geopolitische Verschiebungen erzeugen ein Bedürfnis nach Ordnung – und Ordnung wird allzu oft über Abgrenzung hergestellt. Wer dazugehört, wer nicht. Wer schützenswert ist, wer verzichtbar.

Der Nationalismus der 1990er Jahre auf dem Balkan war kein archaisches Wiederaufleben alter Feindschaften, sondern ein modernes politisches Projekt. Er bediente sich zeitgemäßer Medien, rationaler Argumente, historischer Narrative. Er versprach Stabilität in einer Welt, die sich zu schnell veränderte. Genau darin lag seine Attraktivität und seine Gefährlichkeit.

Und das Album erzählt von dieser Verführung. Der Song „I Am“ ist dabei von zentraler Bedeutung. Er ist eindringlich, schmeichelnd, zugleich autoritär. Eine laute, kräftige Stimme, die sich anbietet. Die Orientierung verspricht.

"Denn ich bin die Antwort, die du suchst."
"Ich habe den Plan, der nicht scheitert."
"Und alles, was ich wirklich brauche, bist du."

Auf dem Balkan nahm es schließlich nationale Gestalt an – heute spricht es in populistischen Talkshows, in Algorithmen, in Foren, in Social Media: eine Rhetorik der Angst, Spaltung, Entmenschlichung, Ausgrenzung.

Es ist die Stimme des Totalitären, des Nazistischen die vor Allem die Jugend verführen soll. Sie ist geduldig. Und gerade deshalb so wirkungsvoll.

"Wenn du die Welt verändern willst, musst du nur die Jugend verändern.“

Hier berührt das Album einen Punkt, den politische Analysen oft verfehlen: Radikale Ideologien gewinnen ihre Macht nicht primär durch Gewalt, sondern durch Sinnstiftung. Sie beantworten Fragen, die im öffentlichen Diskurs häufig unbeantwortet bleiben. Wer bin ich? Was zählt noch? Wer hört mich? Der Nationalismus liefert einfache Antworten auf komplexe Probleme – und entlastet damit. Schuld wird externalisiert, Verantwortung delegiert, Zweifel als Schwäche markiert.

Charles Dickens beschrieb dieses Bedürfnis nach vermeintlich einfacher Ordnung bereits im 19. Jahrhundert. In A Tale of Two Cities entwirft er das berühmte Bild einer Zeit, die zugleich die beste und die schlimmste aller Zeiten ist. Fortschritt und Grausamkeit, Hoffnung und Terror existieren nebeneinander. Die Französische Revolution erscheint bei Dickens nicht als lineare Befreiungsgeschichte, sondern als Kipppunkt, an dem moralische Gewissheiten zerbrechen und neue Gewissheiten entstehen – nicht weniger absolut, nicht weniger brutal.

„It was the best of times, it was the worst of times.“
Charles Dickens, A Tale of Two Cities

Dickens’ Warnung richtet sich weniger gegen Revolution als solche, sondern gegen die Illusion moralischer Eindeutigkeit. Sobald Menschen glauben, im Besitz der Wahrheit zu sein, verliert das Gegenüber seine Menschlichkeit. Aus Nachbarn werden Feinde, aus Konflikten Notwendigkeiten, aus Gewalt moralische Pflicht.

Diese Dynamik ist zeitlos. Sie wirkt im revolutionären Paris ebenso wie im belagerten Sarajevo – und sie wirkt heute, wenn politische Sprache wieder beginnt, Menschen in Kategorien von „nützlich“ und „unnütz“, „wir“ und „die Anderen“ zu sortieren.

Dead Winter Dead macht diese Mechanismen hörbar. Das Album vertraut darauf, dass Zuhörende die Unruhe spüren. Die Irritation. Es stellt die Frage, ob man selbst immun wäre gegen jene Stimme, die Ordnung verspricht.

"I don't understand what I see."

Gerade darin liegt seine Stärke. Moralische Eindeutigkeit wird vermieden. Die Figuren werden nicht gut oder böse gezeichnet. Sie sind verletzlich, suchend, fehlbar. Der junge Soldat findet schliesslich seine Menschlichkeit wieder und ist zugleich ein Symbol für die Menschen, die zwischen Angst, Verlust und dem Wunsch nach Normalität gefangen sind.

In der europäischen Erinnerungskultur erscheint der Bosnienkrieg bis heute oft als Randereignis. Als regionaler Konflikt, als tragische Ausnahme. Dabei war er doch ein Menetekel. Ein Hinweis darauf, dass die Versprechen der Nachkriegsordnung brüchiger waren, als man es wahrhaben wollte. Dass wirtschaftliche Integration keine Garantie für moralischen Fortschritt ist. Demokratie bleibt fragil, wenn soziale Gerechtigkeit fehlt und sie nicht täglich geschützt wird.

Diese Erkenntnisse mögen unbequem sein. Sie stellen die Erzählung vom linearen Fortschritt infrage. Und sie werfen ein besonderes Licht auf die Gegenwart, in der sich ähnliche Brüche abzeichnen. Die politische Landschaft Europas fragmentiert sich, Minderheiten werden erneut zu Projektionsflächen kollektiver Ängste und Hass.

Auch hier funktioniert rechte Verführung: Begriffe wie Sicherheit, Ordnung, Normalität, werden positiv aufgeladen, während Solidarität, Differenz und Ambiguität als Belastung formuliert und an den Rand geschoben werden. Wer widerspricht, gilt schnell als naiv, schwierig oder realitätsfern. Die Sprache selbst verschiebt die Grenzen des Sagbaren – Gut erkennbar an bislang konservativen Parteien die sich rechter Parolen bedienen, bzw. ihr Vokabular in diese Richtung erweitern.

Savatage haben diese Verschiebung intuitiv erfasst. Dead Winter Dead soll sicher kein politisches Programm sein, aber vielleicht eine Art Seismograph den man sich bewusst machen sollte. Es misst die feinen Erschütterungen unter der Oberfläche einer scheinbar stabilen Ordnung. Und es zeigt, wie schnell diese Ordnung kippen kann, wenn Angst zur dominanten Emotion wird.

Dass das Album dabei auf klassische Motive, auf Mozart, zurückgreift, ist kein Zufall. Diese kulturellen Marker stehen für Kontinuität, für Zivilisation, für das, was Europa gerne über sich selbst erzählt. Ihre Einbettung in ein Metal-Album über Krieg erzeugt eine produktive Dissonanz. Kultur erscheint hier als Schutzschild, dennoch als etwas Fragiles, das verteidigt werden muss – nicht militärisch, sondern moralisch, politisch und persönlich.

Vielleicht ist es genau das, was Dead Winter Dead heute so aktuell macht. Weil es Fragen zulässt, die wieder offen sind. Wie stabil ist unser Frieden wirklich? Wie belastbar unsere Werte? Und wie wachsam sind wir gegenüber jenen Stimmen, die einfache Lösungen versprechen?

Der tote Winter, von dem das Album spricht, ist kein meteorologischer Zustand. Er ist ein gesellschaftlicher. Der Moment, in dem Empathie einfriert, Differenz unerträglich wird und Gewalt als notwendige Konsequenz erscheint. Dass dieser Winter jederzeit zurückkehren kann, ist keine pessimistische These, sondern eine historische Erfahrung und im Osten seit Jahren bereits bittere Realität.

An dieser Stelle öffne ich den Raum für einen anderen kulturellen Einschub, der auf den ersten Blick märchenhaft wirkt, bei näherem Hinsehen jedoch eine überraschende Tiefe entfaltet.

Der Weg nach Oz.

The Wizard of Oz ist eine Geschichte über Täuschung, Sehnsucht und Projektion. Über Figuren, die glauben, ihnen fehle etwas Wesentliches – Verstand, Mut, Herz – und die sich deshalb auf den Weg zu einer vermeintlichen Autorität machen. Am Ende steht die ernüchternde Erkenntnis: Der Zauberer ist eine Illusion. Die Macht ist hohl. Die Lösungen lagen die ganze Zeit in den Figuren selbst.

Diese Erzählung wirkt naiv, beinahe kindlich. Und doch ist sie erstaunlich präzise, wenn es um politische Psychologie geht. Die „Yellow Brick Road“ ist ein Weg der Hoffnung, aber auch der Anpassung. Wer ihn geht, folgt Regeln, Bildern, Versprechen. Wer abweicht, riskiert Orientierungslosigkeit.

In Zeiten gesellschaftlicher Verunsicherung wächst die Sehnsucht nach dem Zauberer. Nach einer Instanz, die Ordnung verspricht, Komplexität reduziert und Verantwortung abnimmt. Dass diese Figur am Ende oft nur ein Mensch hinter einem Vorhang ist, spielt zunächst keine Rolle. Entscheidend ist der Glaube an die Inszenierung, an die Propaganda.

Deshalb sage ich: „Schaue hinter den Vorhang! Immer!

Und wer den Film schauen möchte – bitte schaue die Version von 1939 mit Judi Garland.

Savatages Cellist in Sarajevo steht in einem geradezu radikalen Gegensatz zu diesem Prinzip. Er verspricht nichts. Er erklärt nichts. Er spielt. Mitten im zerstörten Raum, ohne Macht, ohne Schutz. Darin liegt seine Wirkung. Die Musik ist kein Zaubertrick, sondern eine Erinnerung. An das, was Menschen miteinander verbindet, jenseits von Identität, Nation oder Lager.

Diese Szene markiert einen ethischen Gegenentwurf zur politischen Verführung. Kein Erlösungsversprechen, keine einfache Lösung. Nur Präsenz. Und Würde.

Krieg als Normalzustand – Europa und die Ukraine

Seit dem russischen Angriff auf die Ukraine ist Krieg wieder ein permanenter Zustand im europäischen Bewusstsein. Nicht als Ausnahme, sondern als tägliche Nachricht. Frontverläufe, Waffenlieferungen, Verhandlungen, Eskalationsszenarien. Begriffe, die beiläufig den Alltag begleiten.

Auffällig ist dabei nicht die Brutalität des Krieges selbst, sondern die Geschwindigkeit, mit der sich die Sprache und Wahrnehmung verändert hat. Was zunächst als Schock wahrgenommen wurde, wurde rasch routiniert und alltäglich. Militärische Logiken, strategische Kalküle und Opferzahlen werden inzwischen mit einer Nüchternheit und Beiläufigkeit behandelt, die nicht nur abstumpft, sondern die Nachricht, das Leid selbst zur Randnotiz macht.

Diese Entwicklung ist ambivalent. Sie ist möglicherweise verständlich, weil Gesellschaften handlungsfähig bleiben müssen. Aber sie ist brandgefährlich, weil sie Gewalt normalisiert. Der tote Winter beginnt nicht mit Bomben, sondern mit Gewöhnung.

Kaum ein Tag vergeht, an dem nicht von Verteidigungsfähigkeit, Abschreckung, Kriegsbereitschaft gesprochen wird. In diesem Klima wurde nunmehr auch die Wiederbelebung der Wehrpflicht beschlossen. Nicht als letztes Mittel, sondern als formulierte logische Konsequenz, als Vorbereitung. Die Vorstellung, dass Frieden ein aktiver, zu gestaltender Zustand ist, scheint dabei immer weiter in den Hintergrund zu treten.

Die Parallelen zur Zwischenkriegszeit (des I. und II. Weltkrieges) liegen nicht in identischen Akteuren oder Programmen, sondern in der Rhetorik. Damals wurde Krieg als Notwendigkeit dargestellt, als Antwort auf Bedrohung, als moralisch gerechtfertigt. Minister und Politiker im Deutschland der 1930er Jahre sprachen nicht vom Vernichtungswillen, sondern von Ordnung, Sicherheit, Schutz der Nation. Die Sprache kam vor der Tat.

Geschichte wiederholt sich nicht eins zu eins. Aber sie reimt sich. Und diese Reime sind deutlich hörbar. Die Vernunft gebietet, sie nicht weiterzuschreiben, damit Europa nicht erneut im Krieg versinkt.

Der Blick über den Atlantik

Ähnlich beunruhigend erscheinen die Entwicklungen in den Vereinigten Staaten. Eine Gesellschaft, die lange als demokratisches und freiheitliches Referenzmodell galt, ringt offen mit autoritären Versuchungen und Auswüchsen. Institutionen werden delegitimiert, Medien pauschal diskreditiert, politische Gegner matt gesetzt.

Hier alarmiert weniger der Erfolg einzelner Akteure als die schleichende Verschiebung des Sagbaren. Gewaltfantasien, Ausgrenzung und offene Verachtung für Minderheiten sind nicht länger Randphänomene, sondern werden Teil öffentlicher Normalität. Wo Grenzen verschwimmen, verliert auch der Rechtsstaat an Durchsetzungskraft – selbst die Justiz scheint diesem Tempo kaum noch gewachsen. Soziale Medien verstärken diese Entwicklung, indem wiederkehrende Inhalte Polarisierung fördern und Grenzverschiebungen normalisieren.

Der Mechanismus ist vertraut: Komplexe soziale Probleme werden personalisiert. Migration wird zur Bedrohung erklärt, nicht zur Folge globaler Ungleichheit, Kriegspolitik und Klimakrise. Menschen auf der Flucht erscheinen nicht mehr als Subjekte mit Geschichte denen geholfen werden muss, sondern als abstrakte Masse, als Sicherheitsrisiko, als Kostenfaktor.

Diese Entmenschlichung ist zentral. Sie erlaubt Härte, ohne Schuldgefühl. Sie schafft Distanz, wo Nähe nötig wäre. Und sie folgt exakt jener Logik, die Dead Winter Dead beschreibt: Erst wird das Mitgefühl eingefroren, dann wird jede Form der Gewalt denkbar.

Europa ist von dieser Entwicklung nicht getrennt. Im Gegenteil. Der Umgang mit Migration ist längst ein Gradmesser für den Zustand demokratischer Werte geworden. Lager an Außengrenzen, Pushbacks, Rückführungen, die Aushöhlung des Asylrechts – all das wird mit administrativer Sachlichkeit legitimiert. Moral wird zur Verhandlungsmasse, Menschlichkeit zur Option die langsam verschwindet.

Die Sprache ist erneut entscheidend. Wer von Strömen, Lasten oder Überforderung spricht, verschiebt den Fokus: Menschen werden zu Problemen, die administrativ bewältigt werden sollen, statt dass Integration und Menschlichkeit im Vordergrund stehen. Häufig werden die tieferliegenden Ursachen von Migration und Flucht ausgeblendet – politische Instabilität, wirtschaftliche Ungleichheit und die historischen Folgen kolonialer Strukturen werden kaum thematisiert, obwohl hier die Ansätze für nachhaltige Lösungen liegen könnten. Globale Wirtschaftsstrukturen und ungleiche Handelsbeziehungen tragen weiterhin zur Benachteiligung ärmerer Regionen bei und verstärken damit Fluchtursachen, während die politische Debatte dies selten aufgreift.

Dickens, noch einmal

Dickens hätte diese Mechanismen erkannt. Seine Figuren sind oft Produkte sozialer Kälte. Menschen, die nicht böse geboren werden, sondern verhärten. Die sich anpassen, um zu überleben. Die lernen, wegzusehen, weil Hinsehen schmerzt.

In diesem Sinne ist der tote Winter kein Ausnahmezustand, sondern ein schleichender Prozess. Er beginnt dort, wo Empathie als Schwäche gilt. Wo Solidarität als naiv verspottet wird. Wo Menschlichkeit ökonomisiert oder sicherheitspolitisch relativiert wird.

Dead Winter Dead war der Ausgangspunkt dieser Gedanken. Es liefert keine Antwort und keinen Trost im klassischen Sinne. Aber es insistiert auf Erinnerung. Auf der Zumutung, hinzuhören. Anteilnahme zu spüren. Nicht wegzusehen.

In „Mozart and Madness“ verschränken sich Metal, Orchester und das Cello zu einem Spannungsfeld, das kaum aufzulösen ist. Der reale Krieg zwischen Serben und Muslimen wird hier musikalisch erlebbar: Vernunft gegen Raserei, Besinnung gegen Lärm. Die Musik steht hier nicht für Harmonie, sondern für das, was verloren geht, wenn Gewalt dominiert – Maß, Differenzierung, Menschlichkeit.

Die Musik zeigt, dass am Ende alle denselben Preis zahlen. Der Krieg kennt keine Sieger, nur Überlebende – doch sie bleiben gezeichnet.

Mit „Memory“ verschiebt sich der Fokus erneut. Savatage greifen Motive aus Beethovens „Ode an die Freude“ auf – jenem Stück, das später zur Europahymne werden sollte. Ein Symbol für die Idee Europas als kulturelles Projekt. Nicht als Wirtschaftsraum, nicht als Machtblock, sondern als Vision: Menschen, die sich jenseits nationaler Grenzen als verbunden begreifen.

Diese Vision ist alt. Und sie ist fragil. Mittlerweile vielleicht kurz vor dem Zerbrechen, wenn zunehmend rechte, nazisitische Parteien an die Macht kommen.

Ich erinnere mich gut an die Zeit der COVID-19-Pandemie, als diese Hymne vielerorts erklang – von Balkonen, aus Fenstern heraus. Auch hierzulande. Für einen kurzen Moment schien es, als hätte Europa wieder eine gemeinsame Sprache gefunden. Eine Sprache der Rücksichtnahme, der Solidarität, des gemeinsamen Aushaltens, der Freundschaft.

Sozialwissenschaftliche Studien bestätigten später, was viele intuitiv spürten: Diese Gesten erzeugten tatsächlich Nähe, ein Gefühl kollektiver Verantwortung, trotz physischer Distanz. Doch sie zeigten auch, wie begrenzt diese Solidarität war. Nach den Lockdowns folgten Ermüdung, Polarisierung, Misstrauen. Die Bereitschaft, Rücksicht zu nehmen, wich zunehmend dem Wunsch nach Abgrenzung.

Solidarität erwies sich als stark im Ausnahmezustand – und erstaunlich fragil im Alltag.

Diese Beobachtung ist zentral. Denn sie verweist auf ein strukturelles Problem moderner Gesellschaften: Menschlichkeit wird oft nur unter Druck aktiviert. Sobald Normalität zurückkehrt, kehren auch alte Muster zurück – Konkurrenz, Egoismus, moralische Hierarchien.

Heute erleben wir eine Zeit wachsender Spaltung. Im öffentlichen Raum, in politischen Debatten, in sozialen Medien. Eine Zunahme von Feindseligkeit, die nicht besonders laut daherkommt, sondern alltäglich. Ungeduld an der Supermarktkasse. Verachtung und Hass im Kommentarbereich. Kälte in politischen Entscheidungen.

All das sind keine Nebensächlichkeiten. Sie sind Symptome.

Sie stehen in einem beunruhigenden Zusammenhang mit einer globalen Entwicklung, in der Krieg wieder als legitimes Mittel der Politik erscheint. Der Ukrainekrieg hat diese Realität sichtbar gemacht. Er zeigt weiterhin, wie schnell sich Gesellschaften an den Gedanken permanenter Bedrohung gewöhnen. An militärische Logik. An Aufrüstung. An die Vorstellung, dass Sicherheit und Freiheit nur noch bewaffnet zu haben sei.

Wenn heute über Wehrpflicht, Verteidigungsfähigkeit und Kriegstüchtigkeit gesprochen wird, dann geschieht das meist mit einer Selbstverständlichkeit, die irritiert. Nicht, weil Verteidigung illegitim wäre, sondern weil Frieden kaum noch als aktive politische Aufgabe verhandelt wird. Krieg wird gedacht, Frieden verwaltet.

Das ist eine Form von Erinnerungslosigkeit.

Geschichte lehrt nicht, dass man sich nicht verteidigen darf. Sie lehrt, wie schnell sich Rhetorik verselbstständigt. Wie Sprache Wirklichkeit vorbereitet. Wie Minister und Entscheidungsträger einst ebenfalls von Notwendigkeit, von Schutz, von Verantwortung sprachen – und damit eine Eskalation legitimierten, deren Ausmaß erst später sichtbar wurde – zu spät.

Die Parallelen liegen nicht in Personen, sondern in Mustern. In der Bereitschaft, Gewalt zu normalisieren. In der Akzeptanz, dass bestimmte Opfer oder auch das Eigene „unvermeidlich“ seien. Also letztlich in der stillen Verschiebung moralischer Grenzen.

Ein Blick in die USA verstärkt dieses Gefühl. Dort, wo demokratische Institutionen offen infrage gestellt und sogar bürokratisch bekämpft werden, wo Migration zum Feindbild wird, wo politische Gegner entmenschlicht werden, zeigt sich dieselbe Dynamik. Komplexe Krisen werden vereinfacht, Verantwortung externalisiert, Schuld delegiert.

Migration wird nicht als menschliche Realität betrachtet, sondern als Störung. Als Belastung. Als Bedrohung. Und wieder beginnt alles mit Sprache.

Europa ist davon nicht unberührt. Im Gegenteil. Die Art und Weise, wie mit Schutzsuchenden umgegangen wird, ist längst ein Prüfstein für die Glaubwürdigkeit demokratischer Werte geworden. Lager, Abschottung, rechtliche Grauzonen – all das wird administrativ begründet, politisch legitimiert, moralisch relativiert. Das Mittelmeer ist dabei längst zum unsichtbaren Massengrab geworden.

Hier schließt sich der Kreis zu Dead Winter Dead. Der tote Winter ist kein plötzlicher Zusammenbruch. Er ist ein langsames Erfrieren. Ein Zustand, in dem Mitgefühl selektiv wird. In dem Solidarität an Bedingungen geknüpft ist. In dem Menschlichkeit zur Ressource erklärt wird, die man sich leisten will oder eben auch nicht.

(M)Eine Ode an das Wesentliche

Was bleibt, ist eine Entscheidungshaltung.

Das Zusammenleben gelingt nicht durch Macht oder Angst, nicht durch Abschreckung oder Ausgrenzung. Es gelingt durch die unspektakulären, aber tragenden Werte: Menschlichkeit, Solidarität, Respekt. Durch Geduld im Alltag. Durch Freundlichkeit – vor allem wo Verrohung droht. Durch die bewusste Anerkennung von Vielfalt, Inklusion und Würde – besonders dort, wo sie infrage gestellt werden.

Vielleicht ist das die „Yellow Brick Road“ unserer Zeit. Kein Weg in eine Illusion, sondern ein mühsamer Pfad durch die Wirklichkeit. Einer, der keine Erlösung verspricht, aber Orientierung bietet und auf dessen Weg Verstand, Mut und Herz zu finden sind.

Coda – Über das Überleben der Kunst

Musik alleine kann keine Kriege beenden, aber sie kann erinnern, zum Fühlen und Nachdenken anregen.

Erinnerung ist eine Form von Widerstand.

Dead Winter Dead ist kein Vintage-Rock-Album. Es ist eine Art Mahnmal. Ein musikalisches Dokument über die Wiederkehr des Immergleichen. Über Nationalismus, Entmenschlichung, moralische Müdigkeit.

Und über die fragile Hoffnung, dass selbst im tiefsten Winter etwas entstehen kann, das wärmt.

Selbst im toten Winter kann Musik entstehen.

Es biete keine Lösung.
Aber es ist ein Anfang…

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25.12.2025

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