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Wenn für die eine Sache plötzlich keine Regeln mehr gelten
Es ist kurz vor vier Uhr morgens, und an Schlaf ist seit Stunden nicht zu denken. Hupkonzerte, Böller, Knallgeräusche, die wie Schüsse klingen. Autos und Motorräder, die mitten in der Tempo-30-Zone mit Vollgas beschleunigen, als wäre die Straße eine Rennstrecke. Dazu 29 Grad in der Wohnung, am nächsten Tag sollen es tagsüber es 38 werden, und in wenigen Stunden stehe ich wieder in einem Job, der durchgehende Konzentration verlangt.
Damit bin ich nicht allein. Schichtarbeiter, Pflegekräfte, Eltern mit kleinen Kindern, Kranke, alte Menschen, nicht nur von der Hitze erschöpfte Menschen: Sie alle haben in dieser Nacht keine Lobby. Über ihre Köpfe hinweg entscheidet eine Minderheit, dass die Nacht zur ihrer Bühne wird. Zum Leid und Schaden aller Anderen.
Es geht nicht um den Fußball und doch geht es um den Fußball
Bevor irgendein Reflex einsetzt, möchte ich klarstellen, dass es mir nicht um den Fußball als solches geht. Nicht um das Spiel, nicht um den Sieg, nicht um die Freude darüber. Freude ist legitim. Wer gewinnt, darf jubeln. Niemand verlangt, dass Menschen ihre Begeisterung unterdrücken. Die Frage ist nicht ob gefeiert wird, sondern wie.
Es geht um Menschen, die ihre Feier – ihren Übermut – rücksichtslos und stundenlang in den öffentlichen Raum tragen, weit über Mitternacht hinaus, bis tief in die Nacht hinein, und dabei jede Grenze überschreiten, die an jedem anderen Tag des Jahres gilt. Das ist kein Jubel mehr. Das ist Ruhestörung. Das ist Gefährdung. Und es ist, nüchtern betrachtet, schlicht unsozial.
Feiern mag erlaubt sein, ja. Aber im Privaten. Nicht über Stunden im öffentlichen Raum, und schon gar nicht in diesem Ausmaß. Der Unterschied zwischen einem privaten Fest und dem, was sich gerade nachts auf den Straßen abspielt, ist kein gradueller, sondern ein grundsätzlicher: Das eine betrifft die, die sich dafür entschieden haben. Das andere wird allen anderen aufgezwungen.
Das passiert nicht nur hier
Wer jetzt denkt, das sei das Problem einer einzelnen Straße in einer einzelnen Innenstadt, irrt. Dasselbe Bild zeigt sich in Stadtteilen, Vororten und zahlreichen Städten. Es ist kein lokaler Ausrutscher. Es ist ein wiederkehrendes Massenphänomen, das sich von Spiel zu Spiel wiederholt, weil es sich wiederholen darf.
Und genau das ist der 11-Meter-Punkt.
Der Elfmeter-Punkt: Geduldet heißt nicht erlaubt
Dass dieses Verhalten gesellschaftlich offenbar geduldet wird und sich über die Jahre normalisiert hat, ändert nichts an der gesetzlichen Ausgangslage. Und zwar kein Stück. Straßenverkehrsordnung, Immissionsschutzrecht und die Vorschriften zum Umgang mit Pyrotechnik gelten auch in dieser Nacht. Ob darüber hinaus im Einzelfall sogar gegen das Sprengstoff- oder Waffenrecht verstoßen wurde, lässt sich anhand der bloßen Knallgeräusche zwar nicht sicher beurteilen. Fest steht jedoch: Die bestehenden Regeln verschwinden nicht – sie werden vielfach missachtet, ohne dass dies spürbare Folgen hätte.
Mit welcher Berechtigung eigentlich? Wer hat entschieden, dass für eine Sache – einen Fußballkorso – plötzlich aussetzt, was für alle anderen Lebensbereiche und Zeiten gilt? In der Tempo-30-Zone wird beschleunigt, als wäre man auf der Nordschleife.Es werden über Stunden Böller oder andere explosionsartige Knallkörper gezündet, als gäbe es keinerlei rechtliche Grenzen. Es wird gelärmt, als gäbe es keine Nachtruhe. Und das alles offen, demonstrativ, im vollen Bewusstsein, dass meist nichts passieren wird.
Die Polizei? Sie fährt im Dauereinsatz mit Blaulicht durch die Straßen und bindet damit Kräfte, die womöglich anderswo dringender gebraucht würden. In dieser Nacht wie in vielen Anderen wird man die Situation tolerant und großzügig regeln. Eingegriffen wird punktuell dort wo es gänzlich aus dem Ruder läuft. Doch dort, wo Aufsichtsbehörden wegsehen, wird aus einer Ausnahme eine Gewohnheit. Und aus einer Gewohnheit ein scheinbares Recht.
Das Paradoxon der „kontrollierten Toleranz“
Die übliche Antwort auf all das ist mittlerweile gut eingeübt. Sie lautet, sinngemäß: Man würde ja gern, aber rechtlich seien einem die Hände gebunden. Hupen sei nur eine Ordnungswidrigkeit, die Polizei müsse den Verstoß selbst beobachten, ein Anruf reiche nicht, und das Bußgeld liege ohnehin bei lächerlichen fünf Euro. Korsos seien zwar nach der Straßenverkehrsordnung wegen „unnötigen Lärms“ und „unnützen Hin- und Herfahrens“ verboten, aber bei friedlichen Großereignissen übe man eben „pflichtgemäßes Ermessen“ und toleriere das Ganze.
Man muss sich diesen Satz auf der Zunge zergehen lassen. Es gibt ein Gesetz, ein Verbot. Und im selben Atemzug wird erklärt, warum man es nicht anwendet. Das ist keine Erklärung der Rechtslage, sondern eine Erklärung dafür, warum bestehendes Recht in dieser Nacht faktisch nur selektiv durchgesetzt wird. Genau darum geht es – nicht darum, dass kein Gesetz existiert, sondern darum, dass existierende Gesetze scheinbar nach Belieben für ungültig erklärt werden, sobald irgendwo ein Ball über einen Fußballplatz gerollt ist.
Und die Toleranz, die da gewährt wird, ist im selben Text an Bedingungen geknüpft: solange niemand gefährdet wird, der Verkehr nicht blockiert und keine Pyrotechnik gezündet wird.
Schauen wir, was davon in meiner Nacht übrig blieb. Pyrotechnik? Böller und Knallgeräusche über Stunden. Gefährdung? Vollgas in der Tempo-30-Zone, Motorräder und Autos. Verstoß gegen die Straßenverkehrsordnung? Mit Ansage oder Vorhersehbar. Nach den offiziell selbst genannten Kriterien war die Bedingung für Toleranz nicht erfüllt. Es hätte eingegriffen werden müssen. Es wurde nicht. Hier wird klar – die Polizei ist nicht Omnipotent und kann nicht überall gleichzeitig sein. Und noch schlimmer – dort wo eine Nacht später eingegriffen wurde, wurden Einsatzkräfte mit Pyrotechnik angegriffen und verletzt.
Dann das angeblich unüberwindbare Hindernis, die Polizei müsse den Verstoß „auf frischer Tat“ selbst beobachten. In der Stadt liegt der Hauptschauplatz keine fünfzig Meter vom ersten Polizeirevier entfernt. Eine Beobachtung der Verstöße wäre dort ohne nennenswerten Zeitaufwand möglich gewesen. Wie viele hupende und stark beschleunigende Fahrzeuge müssen unmittelbar vor einem Polizeirevier vorbeifahren und wieviele BürgerInnen müssen anrufen, bis aus „wir haben keine Kenntnis“ ein wenig überzeugendes Argument wird? Wenn unter diesen geradezu idealen Bedingungen nicht eingeschritten wird, dann scheitert es nicht an der Rechtslage. Dann spricht vieles dafür, dass das Problem weniger in der Rechtslage als in ihrer unzureichenden Durchsetzung liegt.
Hinzu kommt die schönste Abseitsfalle: Ein WM-Spiel findet ja, Ironie an, völlig spontan und unerwartet statt, Ironie aus. Der Spielplan steht seit Wochen, die Anstoßzeiten auf die Minute. Jeder weiß vorher, dass nach dem Abpfiff die Korsos rollen. Die Erklärung vom „spontanen Korso, der weitergezogen ist, bevor die Streife eintrifft“, beschreibt ein zufälliges Ereignis. Hier ist nichts zufällig. Man könnte die Streife um 22 Uhr an die Kreuzung stellen und wüsste mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit, dass etwas kommt. Es wird nur nicht getan.
Gern wird dann ein Beispiel präsentiert, das beweisen soll, dass man ja durchaus durchgreife: ein Hochzeitskorso, gegen den ermittelt wurde, Nötigung auf der Autobahn. Stimmt, einer. Einer, dem zahllose andere gegenüberstehen, die unbehelligt blieben, obwohl sie es bis in die Presse geschafft haben. Ein Einzelfall wird zum Feigenblatt, das die Regel verdecken soll, während die Regel das genaue Gegenteil ist.
Bleibt der Rat, den man sich gestörten Anwohnern am Ende immer erteilt: Dann melden Sie es eben, am besten noch während es passiert. Man tut es. Und bekommt zu hören, die Kräfte seien gebunden, es sei halt WM. Damit ist das Melden keine Lösung, sondern ein Ritual ohne Wirkung. Es erzeugt genau die niedrige Beschwerdezahl, die anschließend zitiert wird, um zu belegen, das Problem sei ja gar nicht so groß. Man wird aufgefordert, ein Verfahren zu nutzen, das so gebaut ist, dass es nichts bewirkt, und das eigene Schweigen wird hinterher als Zustimmung ausgelegt. Das ist die Schuldumkehr in ihrer behördlichen Form.
Warum Toleranz hier fehl auf dem Platz ist
Toleranz ist eine Tugend. Aber sie hat eine Grenze, und die verläuft dort, wo das eigene Verhalten anderen ihre elementaren Rechte nimmt: das Recht auf Nachtruhe, auf Schlaf, auf Sicherheit, auf eine Nacht ohne Knallgeräusche und Raserei vor der eigenen Haustür. Wer das einfordert, ist kein Spielverderber und kein Miesepeter. Er verlangt nichts weiter, als dass dieselben Regeln gelten wie an jedem anderen Tag.
Es ist eben keine Frage der Toleranz, ob ich nachts um vier mit Vollgas durch eine Wohnstraße rasen darf. Es ist eine Frage des Gesetzes. Und Gesetze sind nicht verhandelbar, nur weil viele sie gleichzeitig brechen.
Wir reden gesellschaftlich viel über Rücksicht, über Gemeinsinn, über das Miteinander. Diese Nächte sind wie ein Lackmustest. Sie zeigen, was passiert, wenn eine Mehrheit aus Bequemlichkeit wegschaut und eine lautstarke Minderheit daraus ableitet, ihr stehe der öffentliche Raum zur freien Verfügung. Das ist purer Egoismus, der sich als Feierkultur tarnt.
Rote Karte: Die immer gleiche Schuldumkehr
Ich weiß genau, was jetzt kommt, denn es kommt jedes Mal. „Stell dich nicht so an.“ „Ist doch nur kurz.“ „Es ist WM, gönn den Leuten ihren Spaß.“, „Mach die Fenster zu und steck Dir Oropax in die Ohren“, usw. Und wenn das nicht reicht, folgt die nächste Stufe: Abwertung, Belehrung, Rechtfertigung, am Ende nicht selten die Beleidigung. Das Muster ist immer dasselbe: Es reicht von Bagatellisierung und Abwertung bis hin zu echter Schuldumkehr. Nicht der wird zur Rede gestellt, der nachts um vier böllert und rast, sondern der, der sich daran stört.
Dieser Mechanismus verdient, klar benannt zu werden, denn er ist ein zusätzliches Übel. Wer Kritik mit „stell dich nicht so an“ beantwortet, diskutiert nicht über die Sache, sondern erklärt die Betroffenen zum Problem. Aus einer berechtigten Beschwerde über Gesetzesbruch wird so eine Charakterschwäche des Beschwerdeführers. Das ist bequem, weil es jede inhaltliche Auseinandersetzung erspart.
„Ist ja nur kurz“ – nein, es geht über Stunden, Nacht für Nacht, Spiel für Spiel. „Gönn den Leuten ihren Spaß“ – das tue ich, im Rahmen der Regeln, die für alle gelten; mein Einwand richtet sich nicht gegen Spaß, sondern gegen Rücksichtslosigkeit. „Stell dich nicht so an“ – Schlafentzug, Böllerlärm und deutlich überhöhte Geschwindigkeit in einer Tempo-30-Zone sind keine Empfindlichkeit, sondern ein realer Eingriff in Gesundheit und Sicherheit. Und an alle, die mit Beleidigung antworten: Wer keine Argumente hat, greift zur Lautstärke. Das bestätigt nur, worum es hier von Anfang an geht.
Eine Meinung wird nicht dadurch richtig, dass sie lauter vorgetragen wird. Und ein Verhalten wird nicht dadurch legal, dass es viele gleichzeitig an den Tag legen und jede Kritik daran reflexhaft niederbügeln. Wer das Recht auf seiner Seite hat, muss niemanden mundtot machen.
Feiert. Aber nicht im öffentlichen Raum der dafür nicht vorgesehen ist. Bitte nicht nach Mitternacht. Nicht mit Böllern und Vollgas. Und nicht auf dem Rücken aller anderen, die am nächsten Morgen funktionieren müssen. Das ist keine zu viel verlangte Bitte. Das ist das absolute Minimum und Grundlage eines zivilisierten Zusammenlebens.
Die Wahrheit liegt wie so oft auch hier auf dem Platz.
P.S.: Vielleicht ist es ohnehin an der Zeit, grundsätzlich darüber nachzudenken, ob das Auto als Instrument des kollektiven Jubels noch zeitgemäß ist. In Zeiten, in denen wir über lebenswerte Städte und Lärmreduzierung diskutieren, wirkt der Autokorso wie ein fossiles Relikt aus dem letzten Jahrhundert.
30.06.2026
