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Ein Rätsel
Kurz nach Mitternacht und draußen dröhnen die Motoren – Fast könnte es einen an Reinhard Mey erinnern. Hupen tönen durch die Nacht, und jemand brüllt aus einem Fenster. In einer Straße, die um diese Zeit längst leer wäre, stehen Autos Stoßstange an Stoßstange. Menschen schwenken Fahnen, lehnen aus Fenstern, filmen und fotografieren sich gegenseitig. Eine Stadt, die kurz zuvor noch auf dem Weg zur Ruhe war, ist wieder wach, und sie ist es mit einer zur Gewohnheit gewordenen Selbstverständlichkeit. Die Regeln wurden für diesen Abend und diese Nacht einfach wieder einmal ausgesetzt.
Irgendein Verein – irgendeine Mannschaft – irgendein Land – hat gewonnen. Nicht die Weltmeisterschaft, nicht das Finale, keinen Titel. Nur ein verdammtes Spiel.
Und es geschieht etwas, das im Alltag eher selten so sichtbar wird: Die Ordnung der Stadt verschiebt sich. Straßen werden blockiert, Lärm wird geduldet, Regeln werden plötzlich großzügig ausgelegt oder ausser Kraft gesetzt, als es je an anderen Tagen oder Gegebenheiten des Jahres denkbar wäre. Eine Gesellschaft, die sonst auf Ruhe, Rücksicht und Ordnung bedacht ist, zeigt für ein paar Stunden eine Nachsicht und Akzeptanz, die ihr sonst fremd ist.
Wer das für ein lokales Phänomen hält, hat die eigentliche Größenordnung nicht erkannt. Man muss nur die Kamera weit genug zurückfahren. Dieselbe Szene spielt sich in dieser Nacht in Hunderten Städten und Stadtteilen ab, und bei einer Weltmeisterschaft auf mehreren Kontinenten zugleich.
Verschwiegen habe ich bisher, dass dem Ganzen schon mindestens 90 Minuten lang über Straßen hinweg und durch geschlossene Fenster unüberhörbar, dröhnende Fernseher, grölende Menschen und teilweise aggressives Gebaren vorangegangen sind – das dem gleichen Muster folgt.
An der Stelle einige harte Zahlen: Beim Turnier in Katar 2022 befassten sich nach Angaben des Weltverbandes rund fünf Milliarden Menschen mit dem Wettbewerb; das Finale erreichte global an die anderthalb Milliarden, und im Schnitt verfolgten hundertfünfundsiebzig Millionen jedes einzelne Spiel.
Das ist also nicht nur eine Stadt, die ihre Ordnung verschiebt. Das sind, in einem einzigen synchronen Erregungszustand, ungefähr zwei Drittel der Menschheit. Und während diese Zeilen entstehen, läuft die aktuelle Weltmeisterschaft – zum ersten Mal über drei Länder verteilt, achtundvierzig Mannschaften, hundertvier Spiele, sechzehn Städte.
Ich stelle dem ganzen einige andere Zahlen daneben. Im selben Sommer, in dem Stadien gefüllt und Straßen zur persönlichen Bühne wurden, fand die Schwimm-Weltmeisterschaft statt, und auch dort traten Nationen gegeneinander an, auch dort gabt es Sieger, Niederlagen, Tränen, Hymnen.
Beim Turnier in Singapur 2025, Synchronschwimmen(!) eingeschlossen, kamen über drei Wochen und sechs Disziplinen hinweg rund hundertvierzigtausend Zuschauer in die Hallen. Ein einziges Fußballfinale presst beinahe neunzigtausend Menschen in ein einziges Stadion. Das Fan-Fest in Doha allein zählte 1,85 Millionen – mehr als das Zehnfache des gesamten Schwimmpublikums einer ganzen WM.
Und während der Fußball seine Anhänger auf öffentliche Plätze, in Innenstädte, auf Großleinwände zog, lief das Synchronschwimmen und die gesamte WM im Stillen. Niemand proklamierte den öffentlichen Raum für das Synchronschwimmen. Keine Hundertschaften rückten aus. Kein Autokorso trugt einen Sieg in die Nacht.
Genau hier beginnt die eigentliche Frage. Nicht: Warum freuen sich Menschen über Fußball? Sondern: Warum besitzt ausgerechnet dieser eine Sport eine gesellschaftliche Sonderstellung, die kein anderer kennt? Warum verändert ein Spiel Innenstädte? Warum werden Millionen für Sicherheit und Organisation bereitgestellt? Warum werden nächtliche Ausnahmen hingenommen, die in jedem anderen Zusammenhang sofort geahndet würden – und warum wirkt all das nicht wie ein Skandal, sondern natürlich und gottgegeben?
Der Fußball, das Spiel selbst ist nicht das Rätsel. Das Rätsel ist die Stellung, die ihm zugewachsen ist.
Warum ausgerechnet Fußball?
Die naheliegende Antwort verweist auf Geschichte und Struktur. Einfache Regeln, geringe Zugangshürden, globale Verbreitung. Ein Ball genügt, um überall zu spielen, auf jedem Hinterhof, in jeder Wüste, auf jeder Wiese. Doch das erklärt noch zu wenig. Vieles verbreitet sich, und nur weniges wird zu einem kulturellen Großsystem, das ganze Gesellschaften in seinen Takt zwingt. Verbreitung allein macht keine Sonderstellung.
Die Besonderheit liegt tiefer, in der Struktur aus Gegnerschaft. Der Fußball erzeugt Gemeinschaft nicht trotz, sondern durch Konflikt. Ohne Gegner kein Spiel, ohne Gegnerschaft keine Bedeutung. Das eigene Wir entsteht überhaupt erst im Verhältnis zu einem Die. Ein Chor, ein Verein, eine echte Nachbarschaft oder Gastfreundschaft brauchen keinen Feind, um zu bestehen; sie tragen ihren Sinn in sich. Der Fußball nicht. Er ist strukturell auf Vergleich, Abgrenzung und Sieg angewiesen. Er übersetzt die unübersichtlichen Verhältnisse der Welt in eine einzige, klare Frage: Wer gewinnt?
Diese Reduktion wirkt entlastend, und zwar nicht, weil Menschen einfach dächten, sondern weil Komplexität anstrengen mag. Das kann man schon am Kühlregal erleben. In einer Welt, die kaum noch eindeutige Antworten anbietet, in der jede politische, moralische, persönliche Frage in lauter Abwägungen zerfasert, bietet das Spiel für neunzig Minuten das, was sonst nirgends mehr zu haben ist: ein eindeutiges Ergebnis. Sieg oder Niederlage, unentschieden, ohne Rest. Das scheint für viele eine Wohltat zu sein. Es ist aber auch eine Art Schule. Denn dieselbe Reduktion, die entlastet, zieht klare Fronten in eine Welt, die im Übrigen keine klaren Fronten mehr verträgt. Wer sich daran gewöhnt, die Welt in Wir und Die zu sortieren, weil es im Spiel so schön funktioniert, trägt diese Sortierung womöglich auch dorthin, wo sie nicht hingehört.
Ein Seitenblick in die Geschichte, der nicht abwegig ist: Panem et circenses, Brot und Spiele – die alte Formel beschrieb ein Herrschaftsmittel. Der Staat gab dem Volk Getreide und Wettkämpfe, kostenlos, um es satt, zerstreut und ruhig zu halten. Die Spiele waren ein Geschenk von oben, mit dem Zweck, von unten nicht behelligt zu werden.
Das Bemerkenswerte am modernen Fußball ist die vollständige Umkehrung dieses Verhältnisses. Niemand muss die Masse mehr kostenlos mit Spielen besänftigen. Die Masse bezahlt selbst – für Tickets, für Trikots, für Abonnements, für Pay-TV, für das Bier im Stadion und die Reise zum Auswärtsspiel. Was einst ausgegeben wurde, um Loyalität zu erkaufen, wird heute von denen finanziert, deren Loyalität es bindet. Die Gemeinschaft zahlt für ihre eigene Konditionierung und empfindet das Bezahlen als Privileg.
Das Wort Konditionierung ist hart, aber es trifft eine Doppelbewegung, die für das Ganze entscheidend ist. Die Fangemeinschaft wird zugleich kleingehalten und freigelassen. Kleingehalten, weil ihr Affekt in feste Bahnen gelenkt wird: in den Gesang, in die Choreografie, in das Ritual des Spieltags, in eine Loyalität, die sich kaufen und verkaufen lässt. Freigelassen, weil ihr innerhalb dieser Bahnen eine Intensität gestattet wird, die anderswo undenkbar wäre. Die Eskalation ist nicht der GAU des Systems, sie ist eingeplant. Wenn Hooligans und Polizeihundertschaften aufeinandertreffen, am Rande des Stadions, in abgesperrten Zonen, unter den Augen von Kameras, dann ist das kein Versagen der Ordnung, sondern ihre kalkulierte Grenze. Die Gewalt darf bis hierher und nicht weiter, sie hat ihren Ort, ihre Uhrzeit, ihr Aufgebot. Es ist eine Eskalation mit Vorankündigung und Genehmigung.
Und damit gewinnt ein altes Bild seine Berechtigung zurück. Der Spieler, der Gladiator – nicht im Sinne der frommen Übertreibung, der „Fußballgott“, sondern in einem nüchterneren, unbequemeren. Der Gladiator war ein gehegtes Geschöpf: gefüttert, trainiert, bewundert, gut versorgt und doch zur Schau gestellt, ein Mensch, dessen Wert in seiner Fähigkeit lag, Gewalt vorzuführen, die das Publikum nicht selbst ausüben durfte. Der moderne Profi wird nicht zwangsweise verletzt, doch ist die Logik verwandt. Wir halten uns Menschen, deren Aufgabe es ist, stellvertretend für uns zu kämpfen, einen Konflikt körperlich auszutragen, den wir vom Rang aus genießen – bis zur roten Karte,. Wir füttern sie fürstlich. Wir feiern sie. Und wir verlangen von ihnen, dass sie den Krieg verkörpern, den wir uns selbst nicht mehr erlauben. Bisher.
Das Wir
Im Stadion wird sichtbar, was viele Gesellschaften verloren zu haben glauben: ein kollektives Wir, das nicht ausgedacht, sondern erlebt wird. Menschen, die sich nicht kennen und nie wiedersehen werden, singen gemeinsam, springen gemeinsam, schweigen gemeinsam. Unterschiede des Berufs, des Einkommens, der Herkunft scheinen für die Dauer des Spiels zurückzutreten. Für einen Moment entsteht Zugehörigkeit jenseits der sozialen Rolle. Dieser Moment mag echt sein, das soll niemand bestreiten.
Émile Durkheim hat solche Zustände kollektive Erregung genannt: Augenblicke, in denen die Gemeinschaft sich nicht denkt, sondern in den Körpern spürt, in Gänsehaut, in gemeinsamem Atem, im Mitgerissenwerden. Für ihn lag im Rausch der versammelten Menge der Ursprung des Religiösen überhaupt; die Gesellschaft feierte in solchen Momenten sich selbst und verwechselte das Hochgefühl mit der Anwesenheit eines Gottes. Der Fußball liefert dafür die vollständige Ausstattung. Hymnen und Gesänge, Schals und Farben, Wiederholung und Ritual, eine geweihte Zeit und einen geweihten Ort. Es ist ein modernes Gegenstück zu religiöser Gemeinschaftserfahrung, ohne dass es sich Religion nennen müsste. Wobei es für viele genau das ist.
Nirgends verdichtet sich dieses Wir zu einem stärkeren Bild als in der Kurve. Man muss es einmal in voller Wucht betrachten, um zu verstehen, worum es geht. Die Fankurve, im roten Schein der Pyrotechnik aufgehend, Rauch, der über die Ränge zieht und die Gesichter verschluckt, Fahnen, die zu einer einzigen wogenden Fläche verschwimmen, Tausende Stimmen, die zu einer werden – das ist Erhebung und Bedrohung im selben Bild. Es sieht aus wie ein Fest, und es sieht aus wie ein Schlachtfeld, und das Beunruhigende ist, dass man in diesem Augenblick selbst die beiden nicht auseinanderhalten kann. Dasselbe Rot, das die Feier illuminiert, ist die Farbe des Feuers und des Alarms. Wer dieses Bild liebt, liebt etwas, das nur eine Winzigkeit von Gewalt entfernt ist.
Elias Canetti hat die Masse als einen Zustand beschrieben, in dem die Unterschiede zwischen den Einzelnen verschwinden. Das kann eine Erlösung sein. In der Masse legt der Mensch eine Last ab, die er sonst Tag für Tag zu tragen hat: die Last, ein abgegrenztes, vereinzeltes, für sich selbst verantwortliches Ich zu sein. In der dichten Menge fällt diese Grenze, und das ist mit einer tiefen Lust verbunden – der Lust, nicht mehr man selbst sein zu müssen. Genau hier aber muss der Gedanke sich drehen, denn dieselbe Auflösung, die befreit, befreit auch von der Verantwortung. Und sie hat eine Kehrseite, die sich nicht wegfeiern lässt.
Jedes Wir erzeugt ein Außen. Das ist keine moralische Anklage, sondern eine schlichte strukturelle Tatsache: Wer „wir“ sagt, sagt im selben Atemzug, wer nicht dazugehört. Im Fußball ist dieses Außen sogar konstitutiv, ohne Gegner gäbe es das Spiel nicht. Doch das Wir der Kurve ist noch in einem zweiten, unangenehmeren Sinn nicht unschuldig. Es ist auch eine Tarnung. Der Einzelne, der im Korso die Straße in Beschlag nimmt, der die Nacht beansprucht, den Lärm, das Recht, andere warten zu lassen, andere zu belästigen, tut etwas zutiefst Egoistisches – aber er tut es unter dem Schutz des Kollektivs, und das Kollektiv schreibt seine Selbstbehauptung in Feier um. Allein wäre dasselbe Verhalten eine Zumutung, eine Rücksichtslosigkeit, ein Fall für die Polizei. Im Wir wird es Ausdruck von Gemeinschaft. Das Kollektiv ist nicht nur die Überwindung des Egoismus. Es ist auch sein bestes Versteck.
4. Die Sondergenehmigung
Rund um den Fußball existiert eine auffällige Form gesellschaftlicher Ausnahme, und das Auffälligste an ihr ist, dass sie niemandem aufzufallen scheint. Lärm wird geduldet, Straßen werden gesperrt, Korsos ziehen durch die Innenstädte, polizeiliche Ressourcen werden in großem Umfang bereitgestellt. Verhaltensweisen, die in jedem anderen Zusammenhang sofort sanktioniert würden, gelten hier als akzeptabel, ja als selbstverständlich. Diese Ausnahme ist nirgends beschlossen worden. Kein Parlament hat verfügt, dass der Lärm in dieser Nacht erlaubt sei. Sie ist nicht verordnet, sie ist gewachsen. Sie wird erwartet, sie wird eingeplant, sie wird organisiert, und sie wird hingenommen, ohne dass die Frage nach der Erlaubnis überhaupt gestellt würde.
Die naheliegende Erklärung lautet: Freude. Die Menschen freuen sich, und man gönnt ihnen die Freude. Doch Freude erklärt die Sache nicht, denn Freude allein begründet keine Unterschiede in der Bewertung öffentlicher Handlungen. Nicht jede kollektive Emotion bekommt denselben Raum. Eine politische Demonstration, die eine Straße versperrt, wird abgewogen, genehmigt, eingehegt, mitunter aufgelöst. Eine spontane Versammlung wird kritisch beäugt. Religiöse Prozessionen werden geduldet, aber nicht von jedem und nicht überall. Der Fußballjubel dagegen genießt einen Status, der ihn aus der Masse heraushebt.
Der Unterschied liegt also nicht in der Emotion selbst, sondern in ihrer kulturellen Einbettung. Der Fußball ist medial, institutionell und ökonomisch so dicht verflochten, so tief in den Betrieb der Gesellschaft eingelassen, dass seine Ausnahmezustände nicht mehr als Störung erscheinen, sondern als Tradition. Was im Kleinen, vereinzelt, ohne diesen Rahmen als Belästigung gälte, wird im Kontext zur Brauchtumspflege. Die Einbettung adelt den Affekt. Sie verwandelt das, was sonst eine Ruhestörung wäre, in ein kulturelles Gut, das man nicht antasten mag.
Und damit kommt eine Kraft ins Spiel, die in der frommen Rede vom Fußball als Gemeinschaftsstifter gern übersehen wird: das Kapital. Denn die Ausnahme hat Nutznießer. Der Fußball ist ein globales System aus Medienrechten, Sponsoring, Transfers und Markenbildung, ein Markt, dessen Treibstoff die emotionale Bindung der Fans ist. Diese Bindung wird nicht nur erlebt, sie wird verwertet. Der Spieler wird zur Ware, der Verein zur Marke, das Stadion zum Werbeträger, die kollektive Emotion zum Geschäftsmodell. In Katar waren sämtliche Sponsorenpakete ausverkauft, mehr als sechshundert Marketingprogramme liefen parallel. Wer so viel in die Erregung investiert hat, hat ein handfestes Interesse daran, dass sie sich ausleben darf. Der Affekt wird auch deshalb lizenziert, weil er sich verkauft. Die Sondergenehmigung ohne Beschluss hat, wenn man genau hinsieht, sehr wohl Interessenten – sie sind nur klug genug, sie nicht zu beantragen, sondern entstehen zu lassen.
Der Krieg, der nicht im Stadion bleibt
Der gezähmte Krieg ist nur zwischen den Außenlinien gezähmt. Das ist die entscheidende Einschränkung, die in der freundlichen Erzählung vom Fußball als Ventil meist untergeht. Innerhalb des Spielfelds gilt: zwei Seiten, klare Regeln, ein abgegrenzter Raum, ein eindeutiges Ergebnis. Der Konflikt wird nicht abgeschafft, er wird eingehegt, die Intensität bleibt, die körperlichen Folgen entfallen in der Regel. So weit, so zivilisiert. Aber die Grammatik des Spiels – das Wir gegen das Die, der Sieg über den Gegner, die Lust an seiner Niederlage – endet nicht am Kreidestrich. Sie ist übertragbar. Und sie wandert. Über den Austragungsort hinaus.
Sie wandert zuerst in den Korso. Der Autokorso ist kein Randphänomen, sondern die folgerichtige Ausdehnung des Spiels in den öffentlichen Raum. Was im Stadion stattfand, soll nun die Stadt erfahren; der Sieg wird hinausgetragen, der Raum symbolisch umgewertet, die Straße zur Bühne eines Anspruchs gemacht: Wir haben gewonnen, und ihr werdet es hören. Für die Beteiligten ist das Ausdruck von Gemeinschaft und Überschwang. Für alle anderen ist es Lärm, Gestank, Einschränkung, eine Nacht, in der das eigene Fenster nichts mehr nützt. Und an dieser Stelle muss man den Korso einmal beim Namen nennen, ohne die schützende Geste der Ausgewogenheit. Er ist eine Zumutung. Nicht für mich allein, der ich mich Jahr für Jahr aufs Neue über ihn ärgere, über das Hupen bis in den Morgen, über den Gestank, der in die Wohnung kriecht, über die selbstverständliche Erwartung, dass der Rest der Stadt das schon aushalten werde. Sondern für jeden, der früh nächsten Morgen arbeiten muss, dessen Kind gerade eingeschlafen ist, der ein krankes Kind hat, der alt ist, der schlafen möchte, der Angst bekommt vor dem Krach, der einfach nur kein Interesse an diesem Spiel hat und trotzdem dafür bezahlt, mit seiner Nachtruhe, mit der Benutzbarkeit der Straße vor seiner Haustür.
Das eigentlich Aufschlussreiche ist die Leichtigkeit, mit der diese Zumutung normalisiert wird, und ein verwandtes Bild legt sie ebenfalls frei: der Hochzeitskorso. Auch er nimmt sich die Straße, fährt im Schritttempo über die Autobahn, blockiert Kreuzungen, zwingt Fremde zum Warten – und auch er wird, von wenigen aufsehenerregenden Ausnahmen abgesehen, geduldet, als verstünde sich das von selbst. Man kann die beiden nebeneinanderstellen, denn sie belichten dieselbe Mechanik aus zwei Richtungen. Der Hochzeitskorso trägt ein Privates in den öffentlichen Raum, der Fußballkorso ein Kollektives; was sie eint, ist, dass die Regel, die ihnen entgegenstünde, vor ihnen zurücktritt. Und gerade im Vergleich tritt das Entscheidende hervor: Die Grenze des Geduldeten verläuft nicht entlang der tatsächlichen Belastung oder der Gesetze, sondern entlang der kulturellen Einbettung. Was tief genug verankert ist, darf stören. Was es nicht ist, wird gestört. Von beiden ist der Fußball jedoch das eingebettetere – und damit das Geschütztere.
Und nun die unbequemste Wanderung. Die Grammatik des Wir gegen das Die sickert nicht nur in den Verkehr und in die Kommentarspalten, in das Geschimpfe zwischen Fangruppen, Städten, Regionen. Sie hat in den letzten Jahren, und nicht nur in Deutschland, eine politische Verwandtschaft entdeckt. In vielen Ländern teilen das Fußballkollektiv und das national-populistische Kollektiv zunehmend dieselbe Sprache, dieselben Symbole, mitunter dasselbe Personal; man denke an die Verflechtung organisierter Fanszenen mit der äußersten Rechten in Teilen Italiens, Osteuropas und anderswo. Im Turniersommer verschmelzen Nationalelf und Nationalstolz zu einer Einheit, die im Alltag verpönt wäre, und in dieser Einheit verschiebt sich unmerklich etwas. Aus „Wir haben gewonnen“ wird, kaum hörbar, ein „Wir sind“. Aus dem Stolz auf ein Ergebnis wird ein Stolz auf eine Zugehörigkeit, die ihre Bedeutung wieder, wie eh und je, aus dem Ausschluss der anderen bezieht.
Man muss hier sehr genau unterscheiden, sonst wird aus einer Beobachtung schnell eine falsche Behauptung. Der Fußball selbst erzeugt keinen Rechtsruck. Er macht aus Fans keine Nationalisten oder Faschisten, und die Vorstellung, jeder, der eine Fahne schwenkt oder nationale Symbole zeigt, sei deshalb bereits politisch extrem, verfehlt die Realität. Sie erschwert sogar den Blick auf die tatsächlichen Prozesse.
Die präzisere und unbequemere Beschreibung lautet: Der Fußball bietet einen sozialen Raum, in dem Zugehörigkeit und Abgrenzung besonders sichtbar und emotional erlebt werden können. Das Prinzip des „Wir gegen die anderen“ ist zunächst neutral; es gehört zu jedem Wettbewerb und jeder Gruppenbildung, vom Kinderspiel bis zum Profisport. Problematisch wird es dort, wo dieses Muster mit gesellschaftlichen Konflikten, politischen Feindbildern oder dem Wunsch nach eindeutigen Zugehörigkeiten verbunden wird.
Der Fußball erzeugt diese Mechanismen nicht. Aber seine Rituale, Symbole und Gemeinschaftserlebnisse können ihnen eine Bühne geben. Das Stadion schreibt die Lektion nicht vor – aber es kann ein Ort sein, an dem bestimmte Vorstellungen von Gemeinschaft und Abgrenzung eingeübt und verstärkt werden.
Ventil oder Verstärker?
Am Ende bleibt ein widersprüchliches Gebilde, das sich keiner einzigen Formel fügt. Der Fußball ist Spiel und Kampf, Gemeinschaft und Abgrenzung, Ritual und Wirtschaft, Erhebung und Störung zugleich. Er erfüllt Funktionen, die früher gemeinschaftsstiftenden, oft religiösen Institutionen zufielen, ohne selbst eine solche Institution zu sein. Das erklärt vielleicht seine Wirkung. Es erklärt sicher seine Ambivalenz.
Die alte Frage lautet: Ventil oder Verstärker? Lässt der Fußball Druck ab, der sich sonst gefährlicher entladen würde, oder schaukelt er erst auf, was er zu bändigen vorgibt? Die ehrliche Antwort ist, dass die Frage falsch gestellt ist, solange sie eine Eigenschaft des Fußballs sucht. Denn ob die Erregung Ventil oder Verstärker ist, entscheidet nicht das Spiel, sondern das, was die umgebende Gesellschaft mit dem anfängt, was es freisetzt. Derselbe Mechanismus, der in einer stabilen, ihrer selbst sicheren Gesellschaft ein harmloses Überdruckventil ist, wird in einer verunsicherten, zerfallenden, nach rechts driftenden Gesellschaft zum Megafon. Der Behälter ist neutral. Was durch ihn hindurchströmt, ist es nicht.
Bleibt die Rechnung, und hier muss man die Größenordnungen ehrlich zueinander ordnen, statt sich am Sichtbaren festzubeißen. Der Korso, über den ich mich aufrege, der Rauch der Pyrotechnik, der Müll nach dem Spiel – das ist, gemessen am ökologischen Gewicht des Ganzen, der kleinste Posten. Es ist ein Anteil, gewiss, aber ein nachrangiger. Die eigentliche Last liegt im System und ist gerade deshalb unsichtbar: in den Flügen ganzer Fanströme über Kontinente, im Anreiseverkehr von Millionen zu jedem Spieltag, im Bau und Betrieb der Arenen, in einem Turnier, das sich nun über drei Länder und sechzehn Städte spannt und die Mannschaften und ihre Anhänger quer über einen Kontinent schiebt. Der Fußabdruck dieses Apparats ist riesig, und das Bittere daran ist, dass er sich der Empörung entzieht, eben weil man ihn nicht sehen, nicht riechen, nicht hören kann. Man empört sich über den Gestank in der eigenen Straße und übersieht die Atmosphäre. Was uns trifft, ist das Kleine und Sichtbare; das Große bleibt im Verborgenen und wird mitgetragen, von allen, auch von denen, die nie ein Spiel gesehen haben.
Und hier muss ich zum Schluss ehrlich sein. Ich rege mich über den Korso auf, über den Lärm, über den Gestank, über die ungefragte Zumutung, die mir und vielen anderen Nacht für Nacht im Turniersommer aufgebürdet wird. Und während ich es tue, weiß ich, dass das der harmloseste Teil ist, der bloße Stellvertreter einer Last, die so groß ist, dass sie sich gar nicht mehr empören lässt. Aber dieser kleine, sichtbare Ärger hat eine Folge, die über sich hinausweist. Er treibt mich von einem Sport weg, den ich lieben könnte. Denn das ist vielleicht das eigentlich Traurige an der ganzen Sache: Der Fußball könnte schön sein – ein Spiel, klar und elegant, ein gemeinsames Atemholen über alle Grenzen hinweg, eine der wenigen Sprachen, die wirklich alle verstehen. Und gerade weil er so schön sein könnte, fördert er das Hässliche mit zutage. Er holt das Wir hervor und mit ihm das Außen, er holt die Feier hervor und mit ihr die Zumutung, er holt die Erhebung hervor und mit ihr die Rücksichtslosigkeit. Er stößt den, der ihn lieben wollte, von sich.
Sicher ist nur eines. Er ist mehr als ein Spiel. Und vielleicht ist er gerade deshalb so schwer zu fassen – weil er einer Gesellschaft zeigt, was sie sonst sorgfältig verbirgt: ihren ungestillten Hunger nach einem Wir, ihre Lust an der Front, ihre Großzügigkeit gegenüber den Lauten und ihre Gleichgültigkeit gegenüber den Stillen. Und wem sie, ohne je darüber abzustimmen, die Rechnung dafür schickt.
20.07.2026
